SANKT LORENZ STROM UND SAGUENAY FJORD
KANADA

Teil 1 - Lake Ontario - Montréal - Québec

Teil 2 - Québec - Tadoussac - Chicoutimi

Solo im See-Kanu/Kanadier

Der St. Lorenz Strom, das Tor nach Kanada

Vor zehn Jahren(1999) paddelte ich mein Solo See-Kanu/Kanadier 1000 Meilen (1600 km) von Lake Champlain in den St. Lorenz, an Québec vorbei und dann entlang der Appalachen Bergkette um die Gaspé Halbinsel herum zurück nach New Brunswick. In zwei weiteren Sommern wollte ich nun einmal den gesamten St. Lorenz Strom von dem letzten der großen Seen, Lake Ontario, entlang der Nordküste, der laurentischen Gebirgskette, bis weit raus nach Tadoussac paddeln. Die 113 km von dort den Saguenay Fjord hoch nach Chicoutimi sollten wie ein leckerer Nachtisch der Höhepunkt meiner Fahrt werden. Den ganzen St. Lorenz Strom zu paddeln sowie den Saguenay Fjord einmal zu sehen, war schon immer mein Wunsch gewesen, besonders aber, nachdem ich Hans-Otto Meissners Buch Kundschafter am St. Lorenz Strom gelesen hatte.

Die erste Strecke von Kap Vincent, New York, wo der St. Lorenz Strom aus den Großen Seen fließt, wo er beginnt, dann an Montréal vorbei nach Québec, waren 350 Meilen (560 km), ebenso wie meine zweite Etappe von Québec nach Chicoutimi. Das Jahr 2008, das Gründungsjahr der Stadt Québec vor 400 Jahren (1608), konnte nicht besser passen für meine Fahrt auf dem großen "Canada River", wie er früher einmal hieß. Da mir aber große Feierlichkeiten nicht liegen, entschied ich mich, schon im Vorbereitungsjahr 2007 meine Reise zu beginnen und sie erst nach der großen Fête, also erst 2009, zu beenden. (2008 paddelte ich weit weg die Westküste Neufundlands hoch zum Vikingerlager vom Jahr 1000 in L'Anse aux Meadows. Siehe KANU-SPORT, März 2012.)

Teil I: Lake Ontario – Montréal – Québec

mao
Übersichtskarte der Reise
(anklicken zur Vergrößerung)


Auf dem Seeweg nach Québec – 7 Schleusen

Am 18. Mai 2007 ging's also los. Am Tibbetts Point Leuchturm in Cape Vincent, da, wo der große Strom beginnt, setzte ich ein. Mein Tagesziel waren 25 Meilen (40 km), so dass ich in genau 14 Tagen in Québec ankommen würde. Die Navigation auf dem großen Fluss war endschieden schwerer, als ich angenommen hatte. Es gab zahllose Inseln im Fluss und noch viel mehr Sand- und Steinbänke, und der St. Lorenz war viel größer als ich erwartet hatte. Dazu kam der starke Gezeitenstrom bis rauf nach Montréal, und der Wind blies auf dieser Strecke fast ununterbrochen von Nordost, direkt auf die Nase. Aber was tut's; da muss man eben stärker paddeln, um ans Ziel zu kommen.

Tibbett's Light Put In
Tibbetts Leuchtturm, Lake Ontario - Start der Reise

Headed NE
Lake Ontario: Alles im Boot - jetzt geht's los!

Ich fuhr wie immer voll ausgerüstet für 14 Tage "Strandcamping", einschließlich 20 Liter Wasser, Satellitentelefon und Seesprechfunkgerät und genauen Seekarten. Nur war da ein Problem, das mir Sorge machte. Wie komm ich durch oder um die sieben großen Schleusen? Der gute, alte St. Lorenz Strom war jetzt ein Seeweg für große Containerschiffe und Bulkcarrier geworden. "Boote unter 6 m, unter 900 Kilo, ohne Motor haben keinen Zugang", las und hörte ich in meinen Anrufen. "Non! Keine Ausnahme!" Wie ist das möglich für ein Kanu, einen Kanadier, auf dem "Canada River"? Da half kein Bitten und Zetern: es blieb dabei: KEIN ZUGANG, BASTA! Und es gab auch keine Tragewege und Bootskarren. Bon tonnère! Bummer! Sch...

Ich war schockiert, ließ mich aber nicht von meinem Vorhaben abbringen. Also entwickelte ich einen Plan B. Neben der ersten Schleuse (Iroquois) sah ich auf Google-Earth ein Wehr mit 32 Toren, die das Wasser für die wasserarme Zeit später im Jahr zurückhalten sollten, nahm ich an. Sie konnten wie Guillotinen hoch und runter gelassen werden, las ich, und sah es dann auch auf Google-Earth.
Tor # 28 (oder 5. von links) war für die Talfahrt für kleinere Motorboote bestimmt, Tor # 30 für die Bergfahrt. Beide waren zu dieser Zeit 8 Fuß (2,40 m) hoch gezogen.

Iroquois Control Dam
Iroquois Damm: Fünftes Tor von links für die Talfahrt - hoffentlich klappt's

Das schaff ich, meinte ich zuversichtlich, als ich mich Tor # 28 langsam und vorsichtig näherte, mich aber bereit hielt, durch die Walze am Ende zu schießen und mich mit dem Paddel abzustützen. Alles verlief glatt. Die nächsten zwei Schleusen (Eisenhower und Snell) hab ich als Gast auf Andreas und Sabines Segelboot aus Lübeck, Deutschland, durchfahren. Welch ein Zufall, hier ein Boot aus meiner alten Heimat in Schleswig-Holstein zu treffen - und gerade zur rechten Zeit! Wir verholten mein Kanu längsschiff als "Beiboot". Für die nächsten zwei Schleusen musste ich mir dann was anderes einfallen lassen. Ich hatte den Hafenmeister der Marina dort im voraus angerufen, und er erklärte sich bereit, mein Boot gratis auf seinem Honda Autodach um die zwei Beauharnois Schleusen zu fahren. Merci, thanks, danke!

Locks
Eisenhower Schleuse - Kanus verboten!

Die Lachine Rapids in Montréal

Aber dann kam das größte Problem, die 2 Schleusen um die Lachine Rapids in Montréal. Das waren die berüchtigten Stromschnellen, die Cartier und Champlain die "China-Stromschnellen" nannten (Lachine = China), denn sie dachten, die Nordwestpassage gefunden zu haben. China war gleich auf der anderen Seite, vermuteten sie. Das wollte ich mir unbedingt näher ansehen. Aber wie mach ich das, fragte ich mich vor meiner Abreise. Sind die Lachine Rapids befahrbar? Wenn ja, dann nur mit großen Jet- oder Schlauchbooten, und da rief ich auch schon an. "Kein Problem!", sagte mir der junge Jetboot Besitzer Davide. "Wir sind oberhalb der Stromschnellen, links, direkt am Rand. Komm dicht am Ufer runter. Ich zeig dir dann alles."

Und so war's. Ich trieb vorsichtig mit dem Strom runter und war echt erleichtert, als ich seinen Anlegersteg, sein Boot und die großen Gummi-Flöße sah. 'ne keikle Sache war das schon; ich hätte in dem Strom nicht umkehren können. Aber ich vertraute ihm (und mir).

Big John
Davide und seine eifrigen Helfer

Wir sprangen in das Jetboot und rasten geradezu auf die größten Walzen zu, BIG JOHN, wie die heißen. Es war ein tolles/wildes Gefühl, und ich musste an die zwei Kanuten denken, die Champlain hier 1611 verloren hatte. Da mitten durch, schaff ich unmöglich in meinem Boot. Aber wie wär's am Ufer lang? Auch nicht! Da war eine Wassereinlassstelle für ein Kraftwerk mit einer Mauer, die den Flussstrom nach rechts rollte. Wir entschieden uns, mein Boot auf den Rückenlehnen des Jetboots festzuzurren und noch einmal durch BIG JOHN zu fahren. Wir waren kaum durch, als Davide "C'est ca!" ("Das wär's!") ausrief. "Den Rest schaffst du schon; nur immer links halten!" Seine jungen Helfer setzten mein beladenes Boot ins immer noch wild agitierte Wasser und halfen mir dann in mein Boot. Ein schnelles "Merci!" und ich war im Nu aus Rufweite.

Yeeha!
Lachine Rapids: BIG JOHN - festhalten!

Ich schaffte den Rest. Es war aber nicht leicht. Der Strom floss immer noch mit 8 Knoten und hatte etliche Steinstufen und Schneisen, die ich wie ein Wildwasserfahrer meistern musste. Ich kam echt ins Schwitzen, überquerte schließlich unterhalb der Insel St. Hélène den gesamten Strom, denn ich wollte am Ausgang der Schleuse auf der rechten Flussseite übernachten.

City haze over Montreal
Montréal im Morgengrauen

Ich hatte gerade mein Zelt auf einem kleinen schwarzen Steinstrand aufgeschlagen, als das Lübecker Segelboot aus der Schleuse kam. Kaum zu glauben, dass ich auf meine unorthodoxe Weise schneller war als die offizielle Fahrt durch die letzten 4 Schleusen. Aber das beste war, dass es von hier ab keine Schleusen mehr gab, nur Strom und nur noch einen großen See, Lac St. Pierre (32 X 14 km), so groß wie die zwei großen Seen oberhalb von Montréal.

Big Lac St. Pierre
Strandcamping am großen Lac St. Pierre See

Auf dem Gezeiten-Strom nach Québec

Trois Riviére Bridge
Trois Rivière Brücke, und wie immer viel Wind

Noch 150 Meilen (240 km) nach Québec; kein Problem, obwohl der St. Lorenz immer breiter und windiger wurde. Am letzten Tag musste ich drei Stunden warten, bis der Wind von 45 Knoten auf 15-25 sank, aber immer noch aus Nordost, genau auf die Nase. Ich musste noch 21 Meilen (fast 34 km) zu meinem Rendezvous mit Nancy in Lévis/Québec paddeln, wo sie für uns ein Hotelzimmer in dem größten, imposantesten, vornehmsten und entsprechend teuersten Hotel, dem Chateau Frontenac, gebucht hatte. Und so hab ich dann in einer Nacht mein gesamtes Budget für meine Übernachtungskosten (die bisher null waren) ausgegeben – aber es war es wert, und war auch äußerst historisch, denn das Hotel stand direkt auf dem alten Fort von Champlain! Nur musste ich erst einmal dort hinkommen, was bei dem Starkwind nicht leicht war.

Take-out at Lévis/Québec
RZ vor Québec City Skyline - Geschafft!

View from my
Québec City - Blick auf den Strom von unserem Hotelzimmer

Québec bereitete sich schon auf die 400-Jahrfeier im nächsten Jahr (2008) vor. Sogar die große Statue von Champlain bekam ein Make-over, und die prominente Holzpromenade wurde auf Hochglanz gebracht. Es herrschte bereits überall eine Feststimmung in der Stadt, natürlich alles auf französisch, denn dies hier ist die Wiege der frankophonen Welt von 18 Millionen Menschen in Nordamerika. Von den ersten 28 Siedlern überlebten aber nur 8 den ersten, strengen Winter, hatte ich gelesen. Ein trauriger Anfang, aber zugleich auch eine bewunderswerte Beharrlichkeit, nicht aufzugeben, was mich immer sehr beeindruckt hat.

Champlain getting a makeover for the big party
Champlain bekommt ein Make-over für das große Fest

Salut auf Samuel de Champlain und die
ersten französischen Siedler hier in Québec;
Salut auf die jetzt 400 Jahre alte Stadt Québec und
die französische Sprache und Kultur,
Und salut auf den mächtigen St. Lorenz Strom, den Canada River.


Teil II: Québec - Tadoussac - Chicoutimi

Erster Abschnitt: Québec – Toudoussac --- Die Fahrt geht los

map
Übersichtskarte der Reise
(anklicken zur Vergrößerung)

Am 22. Juli 2009 ging für mich die Fahrt wieder weiter, genau dort (in Québec/Lévis), wo ich 2007 meine Reise beendet hatte. Mein Tagesziel waren diesmal 20 Seemeilen (36 km, nicht 25 Meilen/40 km, wie zuvor), was ich bis auf einen Tag schaffte. Da ich mehr Schwierigkeiten mit dem Ebb- und Flutstrom erwartete, hatte ich mein Tagesziel um 4 km verringert.

launch
Québec/Lévis: Start der Fahrt

Als ich einsetzte war gerade Flut. Gut, dachte ich mir. Da werd ich also jeden Morgen den Ebbstrom-Express flussabwärts nehmen können. Die Freude war aber kurz, denn jeden Tag blies es 15-20 Knoten aus Nordost, direkt auf die Nase und gegen den Ebbstrom.

Die erste Probe kam schneller als erwartet. Von Lévis musste ich rüber über den Strom zur Insel Orléans und zur Nordküste. Auf meiner Seekarte waren 4 Knoten Ebbstrom eingezeichnet, und bei dem Gegenwind musste ich ernsthaft tanzen und war nass und kalt für den Rest des Tages.

start
Alles im Boot - jetzt geht's los

Nach 6 Stunden Ebbfahrt war es dann unmöglich, über die breiten Watt- oder meist Steinfelder an Land zu kommen. Ich entschied mich deshalb am ersten Tag, den St. Anne Fluss bei Beaupré hoch zu paddeln, bis ich endlich landen konnte.
Die nächsten Tage verliefen nicht viel anders. Ich paddelte um ein riesiges Vogelschutzgebiet bei Kap Tourmente, wo sich im Herbst 40000 bis 50000 Schneegänse sammeln, bevor sie Mitte Oktober in einem riesigen Schwarm gen Süden fliegen. Die Steinfelder erstreckten sich immer weiter in den Fluss, so dass ich erst nach 9,5 Stunden bei Cap de la Baie eine Möglichkeit sah, an Land zu kommen. Ich hatte 53,5 km gepaddelt und war fertig.

perch
Camp auf der Cap de la Baie Huk

Nach meinen Fahrten die letzten zwei Sommer um Cape Breton Island, Nova Scotia herum und die Westküste Neufundlands hoch, sollte die diesjährige Fahrt eine "Spazierfahrt" werden, hatte ich meiner Frau versprochen, zumal ich das fortgeschrittene Pensionsalter von 70 Jahren erreicht hatte. War's aber nicht.
Nach einem kurzen Bad im Fluss und einer heißen Tasse Schokolade im Zelt, sah die Welt aber schon bald wieder freundlicher aus. Ich konnte mein Zelt auf einem kleinen Felsvorsprung aufschlagen und hatte die Insel Îsle-aux-Coudres gerahmt in meiner Zelttür.

Jacques Cartier hatte diese Insel 1535 (auf seiner zweiten Fahrt in die Neue Welt) nach den vielen Haselnusssträuchern so benannt. Heute müssen die großen Frachter und Containerschiffe auf dem St. Lawrence Seeweg um diese Insel herum fahren und kamen dann auch den ganzen Nachmittag nahe an meinem Kap vorbei – ein interessantes Schauspiel. Nachts war der Bogen um die Insel sogar beleuchtet wie eine echte "Wasserstraße".

tent
Îsle-aux-Coudres in meiner Zelttür

Von meiner Fahrt vor 10 Jahren (1999), wusste ich, dass die Gezeiten auf dem St. Lorenz unregelmäßig sind, d.h. die Flut am Morgen ist etwa 30 cm höher als die zweite Flut. Und tatsächlich kam die 6:00 Uhr Flut bis an mein Zelt ran. Kein Problem, besonders das Einladen und Ablegen von hier.

Am nächsten Tag musste ich wieder bei Ebbe mein Boot und all meine Sachen gut 150 Meter an Land schleppen. Aber diesmal hatte ich nach 40 km bei St. Irénée einen seicht ansteigenden Steinstrand gefunden. PORTAGE! wie die Kanadier so liebevoll diese charakterformende Tätigkeit nennen. Für mich war und bleibt das aber nur eine unvermeidliche Plackerei – kein Spaß.

"Tide rips" - Gezeitenstromschnellen

Wieder waren Nebel und Regen und dazu Starkwind aus Nordost angesagt. Bei der Einfahrt in die Malbaie Bucht war ein Ebbstrom von 3 Knoten auf meiner Seekarte angezeigt. Ich tanzte um die Ecke und hielt dann sorglos auf die nächste Huk bei Cap-à-l'Aigle (Adler Kap) zu. Das Ufer war eine steile Felswand, aber kein Gezeitenstrom war auf meiner Karte verzeichnet. Dann plötzlich ging's los, und ich war mitten drin und konnte nicht mehr raus.

Ein Gezeitenstrom, wie ich ihn noch nie gesehen hatte! Wellen und Walzen, die sich brachen und von der Felswand zurückschlugen. "OH NO!" schrie ich laut, und da schlug auch schon die erste Welle über mein Boot und mir mit einem kräftigen und lauten "whomp" gegen die Brust; die nächste sogar über meinen Kopf, und ich hatte Seetang im Gesicht.

Da schaltete ich nicht nur in meine Wildwasserrennmentalität um, sondern gleich voll auf "survival". Mit Tempo über die Wellen und durch die brechenden Wellenkämme, Kurs halten, nicht abstoppen, blitzschnell abstützen, wenn Wellen seitwärts einschlagen, und immer das Paddel im oder auf dem Wasser halten! Da ich nur ein 125 cm langes Kanadierrennpaddel in der Hand hatte und kein Kajakdoppelpaddel, waren meine Manöver wohl etwas frenetisch, aber geschickt, schnell und kräftig. Zum Glück wog mein Paddel nur etwa 300 Gramm.

"I was on the edge," wie wir hier sagen. Mein Boot und ich hatten unsere Grenzen erreicht. Aber nie kam der Gedanke, auszusteigen oder gar aufzugeben. Wir waren drin in der Chose, bis es nach etwa 200 Metern wieder weniger wild wurde. Ich war total außer Atem, murmelte ein paar "Thank-yous" und landete mein Boot auf dem erstbesten Strand, an dem wir vorbeikamen. Ich hatte nur 16 km gepaddelt, aber war total erschöpft, körperlich und überhaupt, und fast bereit, meine ganze Fahrt aufzugeben.

Ich schlief den restlichen Tag fast wie im Schock in meinem Schlafsack, nur unterbrochen von etlichen Tassen heißer Schokolade und schließlich meinem Abendbrot-Eintopf aus der Dose.

Wieder im Boot - nächstes Problem: "Batture"

Dichter Nebel, Nieselregen und eine leichte Brise aus Nordost grüßten mich am nächsten Morgen, als ich fast mechanisch mein Boot packte und lospaddelte. Ich hoffte nur, dass der Adler von Cap-à-l'Aigle mich nicht wieder packen würde. Als ich Cap Saumon (Kap Lachs) rundete und der Nebel sich momentan hob, sah ich dann aber meine ersten Wale, weiße Beluga Wale, die entlang der Küste nach Tadoussac sehr häufig zu sehen sind. Dann schwamm sogar ein Nerz direkt vor meinem Bug. Da musste ich lächeln, und damit wurde meine Fahrt wieder flott.

Trotz dichten Nebels schaffte ich es an dem Fährort St. Siméon vorbei (Fähre rüber nach Rivière du Loup) zu einem kleinen Steinstrand in der "Schnittlauchbucht" (Anse de la Ciboulette). Nur noch ein Tag nach Tadoussac! Ich schaff das schon! Nur ein Problem gab es noch. Vor der Einfahrt in den Fjord war eine 11,2 km lange und 6,4 km breite Steinbank (so wie eine Sandbank, nur aus hartem Stein mit Geröll darauf; "Batture" auf meiner Seekarte). Zur Flussmitte hin waren wieder starke "tide rips" verzeichnet. Von den wollte ich nichts mehr wissen. Also machte ich einen genauen Plan: Um 5:00 Uhr los, 2 Stunden gegen den Flutstrom, dann 3 Stunden mit der Ebbe, so dass ich genau bei halber Tide auf den "Battures" war; und dann zügig rüber nach Tadoussac.

rocks
Auf dem Steinstrand in der “Schnittlauchbucht” - alles ist nass

Wieder dichter Nebel und auf Kompasskurs. Zum Glück hab ich einen ganz modernen Radarreflektor auf meinem Heck (siehe Anhang), so dass ich auf dem Radar der Fischer und Sportboote zu sehen bin. Alles ging klar, obwohl ich äußerst schwer paddeln musste, um gegen den Strom um das Cap de la Tête au Chien (Kap Hundekopf) und dann um das Rabenkap sowie die Basken Huk zu kommen. Bei Pointe Noire (Schwarze Huk), der Einfahrt in den Fjord, ebbte es laut Karte mit 7 Knoten, so dass ich umkehren und in der St. Catherine Bucht mein Strandcamping machen musste.

Tadoussac – der erste Handelsplatz in der Neuen Welt

Ich hatte es geschafft; ich war in Tadoussac, dem ersten Handelsplatz in der Neuen Welt. Jacques Cartier war 1535 hier, und Pierre de Chauvin errichtete hier 1600 das erste Blockhaus für den lukrativen Pelzhandel. Samuel de Champlain, der Gründer der Stadt Québec im Jahre 1608, segelte in demselben Jahr auch noch den Saguenay Fjord hoch, wie ich es jetzt tun wollte, auf der Suche nach der "Salzwasser See im Norden", James und Hudson Bay. Ich hielt auch vergebens Ausschau nach den "tadoussacs", nach denen der Ort benannt wurde, – zwei runden, brustförmigen Hügeln. Ich sah aber nichts dergleichen. Vielleicht war das alles auch nur eine Wunschvorstellung der Einheimischen oder der Seeleute, die zu lange in den kalten Wäldern oder auf See gewesen waren. (Bei den Grand Teton Bergen in den Rocky Mountains ist das aber schwer zu übersehen.)

Abschnitt II: Den Saguenay Fjord hoch nach Chicoutimi

213 km gepaddelt, nur noch 120 km zum Ziel! Das ist zu schaffen. Wenn nur der Wind nicht aus Nordwest den Fjord runter düst! Die Ufer sind steile Granitwände, an die 500 m hoch, mit minimalen Landungsmöglichkeiten. Das könnte interessant werden.

Wieder war Nebel. Er war so dicht, ich konnte nicht einmal das andere Ufer sehen. Aber ich schaffte es 16 km den Fjord hoch bevor die Flut kenterte. Der Ebbstrom war dann stärker als erwartet, da der Fjord ja eigentlich ein großer Fluss war und den riesigen See Lac St. Jean entwässerte. An dem Punkt merkte ich dann auch, dass der Fluss als eine wärmere Süsswasserschicht ständig zum Meer floss, trotz des Gezeitenzyklus. Das kältere Meereswasser hob bei Flut lediglich die leichtere Flusswasserschicht an, so dass ich auf der Wasseroberfläche also stets gegen den Strom paddeln musste, mal bei höherem mal bei tieferem Wasserspiegel. Ein interessantes Phänomen, das für mich aber etwas mehr Energie verlangte. (Wer nur den Saguenay paddeln will, sollte deshalb den Fjord runter von Chicoutimi nach Tadoussac paddeln, nicht wie ich den Fjord hoch.)

fjord
Blick den Fjord hoch von Petit Saguenay

Mein erster Stop war ein handtuchgroßer Kiesstrand außerhalb des Nationalparks, wo der Petit Saguenay Fluss (der Kleine Saguenay) in den Fjord mündete. Eine kleine Straße führte zu der Huk. Touristen bewunderten den großartigen Ausblick. "Sieh mal! Toll, was?", hörte ich oft. Cameras klickten, und Minuten später waren sie wieder in ihren Autos. Dann kamen zwei "Sea-doos" sowie zwei "4-wheelers" (Geländefahrzeuge) mit je zwei gewichtigen Jugendlichen drauf. Die terrorisierten über eine Stunde die Stille der Gegend, in dem sie den Fjord oder das Steinwatt aufwühlten. Ich stopfte mir Klopapier in die Ohren, vertiefte mich in meine Bücher und Karten und konnte kaum warten, am Morgen von hier wegzukommen.

sunrise
Sonnenaufgang bei Petit Saguenay

Um 5:30 sah ich dann meinen ersten Sonnenaufgang auf dieser Reise. Was für ein Unterschied von den nebligen Regentagen zuvor! Nur ein paar Nebelschwaden hingen noch an den höheren Bergspitzen. Ich paddelte an Cap Éternité und Cap Trinité vorbei, der wohl spektakulärsten Gegend im Fjord, zur Anse du Gros Ruisseau (der Bucht am großen Bach). Ich hatte diesen Ort auf meiner Karte gewählt, weil ich dort, wo der Bach in den Fjord floss, einen kleinen Kies- oder Sandstrand erwartet hatte. Und so war's auch. Außerdem waren da einige Holzplatformen zum Zelten aufgebaut. Ideal für mich, zumal niemand da war und wieder ein Gewitter aufzog.

eternite
Cap Éternité

trinite
Cap Trinité

Plötzlich wurde dann der Fjord breiter, die Steinwände zogen sich ein wenig zurück, und Ferienhäuser drängten sich ans Ufer. Als ich die Ha! Ha! Bucht überquerte, musste ich unwillkürlich lachen, obwohl Ha! Ha! eigentlich von einem alten französischen Wort abgeleitet ist, das so viel wie "Sackgasse" bedeutet. Letztes Jahr fand ich auch so eine "dead-end" Bucht auf Neufundland. Ich paddelte also in den anderen Arm in Richtung Chicoutimi.

In der Grand Anse, der Großen Bucht, schlug ich zum letzten mal mein Zelt auf, 30 cm höher als die Flutlinie vom Nachmittag. Um 23:00 Uhr kam die Flut aber bis an mein Zelt ran. Ich musste in Eile zusammenpacken und warf schnell Zelt, Schlafsack und Matratze auf das steil ansteigende Steinufer hinter meinem Camp, setzte mich mit Mückennetz über meinem Kopf auf mein Paddelkissen auf die Steine und wartete ab, bis ich eine Stunde später wieder auf meinen alten Zeltplatz zurückkehren konnte. Die Nacht war kurz, aber Schlaf kam schnell.

chicoutimi
Typische Granit Fjordlandschaft

Ende der Reise

Ich hatte mir nur 20 km für den letzten Tag gelassen, falls ich mich irgendwo früher auf meiner Reise verspätet hatte. Ich wollte meine Frau um 11:00 Uhr an der öffentlichen Bootsrampe des Segelhafens in Chicoutimi treffen. Und da war sie dann auch, winkend und lächelnd, mit der Camera in der Hand und Gepäckträger mit Halteriemen auf dem Autodach. Thanks, my dear, I really appreciate it!

takeout
Ankunft in Chicoutimi

Schnell wurde alles eingepackt, das Boot flüchtig gewaschen und ab ging's wieder runter nach Tadoussac, wo wir zwei wunderbare, sonnige Tage zusammen in dem traditionellen "Grand Hotel Tadoussac" Ferien-zu-zweit machten. Wir sahen Wale auf unserer kurzen Wanderung zur Fjordeinfahrt, besichtigten zwei Museen und die älteste Kirche in Kanada, bevor wir am Tag darauf mit der Fähre von St. Siméon nach Rivière du Loup (15 Meilen/24 km) über den St. Lorenz setzten und zurück nach Maine fuhren.

crossing
Überfahrt über den St. Lorenz von St. Siméon nach Rivière du Loup

Alles in allem wieder eine großartige Fahrt. Nur die "tide rips" am Adler Kap könnte ich mir das nächste mal sparen. Aber Ende gut, alles gut. Das ist das Wichtigste.

Gruß,
Reinhard
reinhard@maine.edu
www.zollitschcanoeadventures.com

stickers
Mein Bootsheck mit Radarreflektor und Fahrtenaufkleber


INFO:


*Boot & Ausrüstung: 5,23 m Verlen Kruger SEA WIND Seekanu
www.krugercanoes.com
*312 Gramm Carbon Bent-shaft Marathon Kanurennpaddel von Zaveral www.zre.com
*NOAA Papier Seekarten (kein GPS)
*Iridium Satellitentelefon (für Safety check-ins – funktionierte immer, selbst im steilwandigen Fjord)
*VHF Küstensprechfunkgerät für Wetterberichte, Coast Guard, Häfen und andere Boote
*Luneberg passiver Linsenradarreflektor von WEST MARINE (damit man mich im Nebel besser sehen kann)
*1,80 m Fahrrad-Zitterstab mit orange Fähnchen dran (auf dem Heck; damit man mich auch sonst besser sehen kann)
*Zwei 10 Liter Wassertanks von MSR-DROMEDARY (genug für die ganze Reise)
*Camping Sachen für Strandcamping, einschließlich Propankocher; alles Essen, meist in Dosen, von zu Hause (keine offiziellen Campingplätze oder Marinas)
*Unkosten: Essen und Propan von zu Hause; Auto Anfahrt: 400 km; Rückfahrt von Chicoutimi: 640 km ; (insgesamt 2080 km Autofahrt); 2 Tage im Hotel Tadoussac mit Nancy: "priceless"
*Keine Sponsoren – kein Stress, keine Verpflichtungen

Lesematerial:
Hans-Otto Meissner: Kundschafter am St. Lorenzstrom. Stuttgart: Cotta, 1966.
Yves Oulette: Tadoussac: La Baie des Splendeur/The Magnificent Bay. Laval (Québec), Canada, 2000.



************************

© Reinhard Zollitsch


BACK TO TOP OF PAGE